Kleine Auszeit im Chaos nach der Geburt

Wellcome ist eine moderne Form der Nachbarschaftshilfe – Verein Kinder- und Jugendhilfe Backnang bietet neue Unterstützung an

Die Entlastung von jungen Familien durch Ehrenamtliche – das steht im Zentrum des Projekts Wellcome. Der Verein Kinder- und Jugendhilfe bietet diese Unterstützung seit gestern an. Zum offiziellen Start des neuen Angebots schilderte Wellcome-Initiatorin Rose Volz-Schmidt die Vorteile der schnellen, pragmatischen und unbürokratischen Hilfe für junge Eltern nach der Geburt an der Grenze der Überlastung.

Eine ehrenamtliche Helferin kommt und nimmt der Mutter das Kleinkind ein paar Stunden am Tag ab, damit die Mutter wichtige Dinge erledigen kann. Das kann alles Mögliche sein. Duschen ebenso wie Arztbesuche, Telefonate oder einfach mal die Beine hochlegen. Foto: Famfutur 

Von Matthias Nothstein 

BACKNANG. Es muss für Rose Volz-Schmidt ein kleiner Kulturschock gewesen sein. Aufgewachsen im Schwarzwald und eingebettet in eine Großfamilie zog die Sozialpädagogin nach Hamburg. Kurz nach der Geburt ihres ersten Kindes erkundigte sich die frisch gebackene Großmutter aus dem Süden nach dem Wohlergehen und fragte mehr oder weniger rhetorisch: „Du hast doch bestimmt eine ältere Frau in der Nachbarschaft, die dich ein bisschen unterstützt?!“ Nein, das hatte Volz-Schmidt nicht. Und auch der Ehemann war beruflich extrem eingespannt und keine wirkliche Hilfe. Und so erlebte die Sozialpädagogin das Dilemma einmal von der anderen Seite.

Gestern, bei der Eröffnung des neuen Wellcome-Standorts in Backnang, erinnerte sie sich mit Grausen: „Es war schwer, und ich hatte niemand, der mir etwas abgenommen hat. Alle, die während der Schwangerschaft Hilfe angeboten hatten, waren im Urlaub. Oder gingen nicht ans Telefon.“ So erlebte die Zugezogene einen Crashkurs „junge Mutter in der Großstadt“, lernte, dass Neugeborene keine Wochentage kennen, und dass Wöchnerinnen auch in den Wochen danach absolut unterstützungsbedürftig sind. In ihr reifte damals die Erkenntnis, dass es zwei Klassen von jungen Eltern gibt. Dabei geht es nicht um arm oder reich. Auch nicht um die Frage, ob man Deutsch spricht oder nicht. Oder ob man bildungsfern oder schlau ist. Es zählt einzig und allein nur die Frage: Hat man ein Netzwerk oder nicht?

Später erkannte die dreifache Mutter, dass die Überlastung in dieser Situation ein Massenphänomen ist, das gleichzeitig tabuisiert wird. „Keiner will sich die Schwäche eingestehen.“ In dieser Zeit würden viele Beziehungsprobleme ihren Ursprung haben. Probleme, die später mit hohen Folgekosten in Verbindung zu bringen sind. Die Geschäftsführerin von Wellcome wandte sich deshalb gezielt an Siegfried Janocha, der als Erster Bürgermeister der Eröffnung beiwohnte, und warb um Unterstützung: „Eine Investition an dieser Stelle ist absolut clever.“

Im Zentrum des Projekts stehen die Ehrenamtlichen. „Sie sind unsere Perlen“, würdigt Volz-Schmidt deren Leistung. Sie unterstützen die Familien mit Babys einige Wochen oder Monate während des ersten Lebensjahres im Chaos nach der Geburt zu Hause. Sie betreuen das Neugeborene, spielen mit den Geschwisterkindern, helfen ganz praktisch mit und hören zu. „Sie sind einfach da für die kleine Auszeit, die jeder in dieser Situation dringend nötig hat.“

„Es ist nicht leicht, Ehrenamtliche zu finden, aber es lohnt sich.“ 

Die Ehrenamtlichen nehmen dabei auch sehr viel für sich mit. „Es ist ein lohnendes Engagement.“ Das sei ein kleines Problem, auf das die Koordinatoren des Vereins Kinder- und Jugendhilfe achten müssten, dass nämlich die Hilfen nicht zu selbstverständlich werden oder zu lange dauern. Volz-Schmidt: „Viele werden Gastomas oder Paten. Wir verlieren etliche Helfer beim Einsatz in den ersten ein bis drei Familien.“ Das ist irgendwo auch verständlich, schließlich kommen nur ganz wenige Dienste so nah wie Wellcome an den Menschen heran, sie kommen bis in die eigenen vier Wände.

Die Hilfe ist für die Familien nicht kostenfrei. Fünf Euro werden pro Stunde verrechnet. „Das geht nach dem Motto: Was nichts kostet ist nichts wert. Wir nehmen kleine Beträge und ermäßigen großzügig.“ Am Ende ermutigte Volz-Schmidt die Backnanger Verantwortlichen, um Ehrenamtliche zu werben: „Es ist nicht leicht, sie zu bekommen, aber es lohnt sich. Werben Sie. Denn die Nachfrage wird groß sein.“

Heinz Franke, Vorsitzender des Vereins Kinder- und Jugendhilfe, freute sich, dass es nun auf der Wellcome-Landkarte in Backnang keinen weißen Fleck mehr gebe. Unter den vielen, verschiedenen Hilfsangeboten, die in der Stadt bereits angeboten werden, sei dies nun ein weiterer Baustein. Christine Jacobi ist Abteilungsleiterin im Stuttgarter Ministerium für Soziales und Integration. Sie hob darauf ab, dass das soziale Netz der Großfamilie für viele nicht mehr erreichbar sei. Gründe seien der demografische Wandel und die hohe Mobilität der Familien. Auch sie lobte die moderne Form der Nachbarschaftshilfe. Siegfried Janocha wünschte dem Verein viel Kraft, all die Hilfen umzusetzen. Wolfgang Steinhäußer, der Vorsitzende der Ärzteschaft Backnang, appellierte ebenfalls an Janocha. Unterstützung für das Projekt bedeute Entlastung für die örtlichen Kinderärzte und Allgemeinmediziner und sei damit ein Standortfaktor. Zuletzt wies Wellcome-Koordinatorin Simone Kirschbaum auf das gute Netzwerk im Famfutur und den anderen Ämtern hin. Die Eröffnung des neuen Standorts wurde von Thomas Brändle moderiert und von den „Töchtern des Hauses“, Jutta Fauser (Akkordeon) und Heidi Obertreis (Geige) musikalisch umrahmt.

Wellcome - Praktische Hilfe nach der Geburt! Weitere Informationen

fam futur
Zentrum für Kinder,
Jugendliche und Familien
mit kunterbunt, caDU und SoWas
ist eine Einrichtung des Vereins
Kinder- und Jugendhilfe
Backnang e.V.

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