Vom Flüchtling zum Mitbürger

Zwei Sozialpädagogen kümmern sich um die Integration der Bewohner aus der Anschlussunterbringung Hohenheimer Straße

Die Stadt Backnang und der Verein Kinder- und Jugendhilfe setzen um, was der Pakt für Integration fordert: Zwei Fachkräfte helfen in der Unterkunft in der Hohenheimer Straße Geflüchteten mit Bleibestatus, in der deutschen Gesellschaft anzukommen. Die Integrationsmanager bauen Brücken zu Behörden, Schulen und Institutionen, bei der Suche nach Jobs und Wohnungen.

Davoud Hafizi (Zweiter von rechts) hat allen Grund zum Lachen: Der Iraner kann den Schlüssel für seine Unterkunft in der Hohenheimer Straße abgeben. Er hat Arbeit, und für seine Familie hat er jetzt auch eine Wohnung gefunden. Beim Auszug steht ihm das Team vom Integrationsmanagement zur Seite – Benjamin Wurst (rechts), Sandra Amofah und (ganz links) Praktikantin Lina Al-Sibai. Foto: A. Becher 

Von Armin Fechter 

BACKNANG. „Eine kleine Frage.“ Wenn die Bewohner einen Schmerz haben, dann sind das meist die Worte, mit denen sie sich bei Sandra Amofah und Benjamin Wurst melden. Oft geht es um Post von Ämtern, Briefe, die zu enträtseln ihnen schwerfällt. Für die Integrationsmanager vom Verein Kinder- und Jugendhilfe gilt es dann, den Inhalt leicht verständlich zu vermitteln. Wenn nötig, wird ein Dolmetscher hinzugezogen – oftmals ein anderer Bewohner, der gerade um den Weg ist, die Sprache der Ratsuchenden kennt und im Deutschen einigermaßen fit ist. Auch die Praktikantin Lina Al-Sibai, die soziale Arbeit studiert, kann bisweilen einspringen. Sie ist in Deutschland geboren, spricht aber fließend Arabisch. Wird es schwieriger, wenden sich Amofah und Wurst an die städtische Integrationsreferentin Ulrike Ferenz-Gröninger. Sie verfügt über einen ganzen Pool an ausgebildeten Dolmetschern, die zum Beispiel zum Elterngespräch in die Schule mitkommen können. Und wenn es um rechtlich relevante Dokumente geht, dann wissen die beiden Ratgeber auch, wo sie staatlich geprüfte Übersetzer finden.

In der Integrationsarbeit ist die gute Vernetzung mit anderen Stellen und mit ehrenamtlichen Helfern das A und O. Stadtverwaltung, Jobcenter, Landratsamt: Immer wieder werden im Alltag bestimmte Institutionen benötigt. Von Regelmäßigkeit kann bei der Tätigkeit der beiden Integrationsmanager aber nicht die Rede sein. „Jeder Tag ist anders, es ist immer anders als geplant“, schildert Benjamin Wurst die Abläufe, die eigentlich in kein Raster passen. Fix sind zwar die Sprechzeiten, die täglich, auch samstags, angeboten werden. Und es gibt eine Telefonnummer, unter der das Integrationsmanagement in dringenden Fällen erreichbar ist. Aber Überraschungen sind eher die Regel als die Ausnahme.

Das beginnt schon beim Belegungsmanagement, für das Benjamin Wurst und Sandra Amofah auch zuständig sind – samt Schlüsselvergabe und Ausübung des Hausrechts. Gerade in der ersten Zeit nach der Renovierung der Räumlichkeiten, die zuvor der Landkreis als Gemeinschaftsunterkunft genutzt hatte, musste bisweilen improvisiert werden. Es galt – und gilt –, die Neuzugänge so zu steuern, dass möglichst passende Gruppierungen entstehen: Familien, alleinstehende Männer oder auch allein lebende Frauen, kulturelle Gegebenheiten, religiöse und ethnische Aspekte nicht zu vergessen.

Das stößt freilich auch an Grenzen, wenn eine Unterkunft wie jetzt mit 150 Personen, darunter etwa 50 Kinder, so gut wie voll ausgelastet ist. Wurst berichtet von einer Konstellation, bei der sich eine muslimische Familie die Küche mit einer christlichen teilen muss: Die einen kochen gelegentlich gern Schweinefleisch, für die anderen ist das ein absolutes No-Go. Also musste man sich, nach anfänglicher Aufregung, arrangieren.

Was aussieht wie eine Kleinigkeit, die eben am Rande passiert, verweist auf ein Kernanliegen der Integration: Die Vermittlung von kulturellen und rechtsstaatlichen Werten und Pflichten, wie dies auch konzeptionell festgelegt ist – die Unterkunft ist Lebensort für viele, daher gibt es Regeln, um ein friedvolles Miteinander zu ermöglichen. „Wir sind sehr eng an den Leuten dran“, machen die Integrationshelfer deutlich. Dabei hilft auch die zentrale Postausgabe: Oftmals ergeben sich da schon die Anlässe für individuelle Beratungen – wobei die Sozialpädagogen darauf achten, dass ihre Schützlinge Formulare und dergleichen selbst ausfüllen. „Sie müssen es lernen, um klarzukommen“, betont Sandra Amofah. Dazu gibt es bei der Ankunft auch einen Laufzettel für die ersten Schritte in Backnang.

„Es ist wichtig, mit den Menschen zu sprechen, sie ernst zu nehmen und nachzufragen“, erklärt Thomas Brändle, der pädagogische Leiter im Verein, und der Vorsitzende, Heinz Franke, unterstreicht: „Unser Einsatz ist der Notwendigkeit geschuldet. Wir haben schon immer Kontakt zu Migranten und können ganz viel zusammenbinden.“ Damit spricht er die zahlreichen Möglichkeiten an, die der mit Hilfen breit aufgestellte Verein bietet, vom Sozialen Warenhaus bis zu Kinder- und Jugendhilfemaßnahmen. Die Integrationsmanager sind beim Verein angestellt, die Stadt Backnang gibt dazu, wie Erster Bürgermeister Siegfried Janocha erklärt, einen Personalkostenzuschuss und erhält ihrerseits vom Land einen Förderbetrag, dessen genaue Höhe aber derzeit noch nicht feststeht.

Der 35-jährige Davoud Hafizi ist einer der ersten Bewohner, die den Sprung ins eigene Zuhause geschafft haben. Der Iraner ist mit seiner Frau und seinem fünfjährigen Sohn – ein weiteres Kind ist unterwegs – seit einem Jahr und zehn Monaten in Deutschland. Seine deutschen Sprachkenntnisse, die er in der Volkshochschule erworben hat, können sich sehen lassen. Hafizi hat Arbeit, er engagiert sich bei der TSG Backnang als Fußballtrainer im Jugendbereich. Und er bringt sich ehrenamtlich als Sprachbegleiter ein. Nicht zuletzt deswegen helfen ihm die Integrationsmanager mit Freude beim Auszug: „Eine Hand wäscht die andere.“

fam futur
Zentrum für Kinder,
Jugendliche und Familien
mit kunterbunt, caDU und SoWas
ist eine Einrichtung des Vereins
Kinder- und Jugendhilfe
Backnang e.V.